Wer im Frühsommer eine Wanderung macht, wird mit vielen sinnlichen Eindrücke belohnt: Ein wunderbarer Ausblick vor Augen, der Geruch von blühenden Blumen in der Nase, frisches Gras zwischen den Zehen und … der Geschmack von frischen Kräutern auf der Zunge! In Österreichs Wanderdörfern werden Kräuterwanderungen angeboten, die den Interessierten längst vergessene kulinarischen Schätze entlang der Wege zeigen. Was den Hirten und Jäger früher eine natürliche Nahrung war, wird nun neu entdeckt!

Angela HarfmannKräuterexpertin
Ich finde das Schönste ist, wenn man beim Wandern die Landschaft verkostet.


Kulinarische Wanderungen 5 Wanderungen mit Lerneffekt


Aus den Geschichtsbüchern Was den Hirten, Jägern und Sennern Kraft gab


Silberdistel, Pixabay

Von wem könnte man besser über die Kraft der Kräuter lernen, als von unseren wandernden Vorfahren? Von den Hirten, Sennern und Jägern, die oft weite Fußmärsche zurücklegen mussten und sich von dem ernährten, was die Natur so hergab. Hinter dem sogenannten “Jägerbrot” etwa versteckt sich die Silberdistel, von der man – gleich wie bei der Artischocke – den Blütenboden essen konnte. Der Hunger der Wandersleute dürfte groß gewesen sein, die Pflanze steht heute nämlich vielerorts unter Schutz. Auch Brennnesselsamen haben den geschwächten Wanderern Kraft gegeben: Die Samenstände am oberen Ende der weiblichen Pflanze können ab Juni bis in den Oktober hinein gesammelt werden und direkt von der Pflanze gegessen werden. Will man länger etwas davon haben, nimmt man sie am besten mit nach Hause und lässt sie für die spätere Verwendung trocknen.


Kostbares Essbares


Am Wegrand findet man so einige Köstlichkeiten. Unsere Kräuterexpertin Angela Harfmann verrät euch, woran man besonders gut naschen kann.

Angela HarfmannKräuterexpertin
Berberlitze, Pixabay

1. Berberitze 

Dass man die roten Früchte der Berberitze essen kann, ist hierzulande allgemein bekannt. Aber auch von den jungen (!) Blättern kann man das eine oder andere kosten, die erinnern in ihrem Geschmack an den bekannten Sauerampfer.

Meisterkraut, shutterstock

2. Meisterwurz

Diesem Kraut wird nachgesagt, dass es die Lebensgeister anregt. Die Hirten und Jäger haben sich früher an dem Meisterwurz gelabt, wenn sie weite Strecken zurücklegen mussten und weder Wasser noch Nahrung mehr vorhanden war. Die Meisterwurz ist an der Blüte schwer zu erkennen, da sehr viele Doldenblütler eine ähnliche Blüte haben und es auch giftige Doldenblütler gibt.

Löwenzahn, Pixabay

3. Löwenzahn

Lange Zeit als Unkraut abgestempelt, ist der Löwenzahn aber genau das Gegenteil! Von den zarten Pflanzen kann man im Frühjahr Blüten, Blätter und sogar ein bis zwei Stängel pro Tag essen, um durch seine enthaltenen Bitterstoffe den Stoffwechsel anzuregen.

Vogelmiere, Pixabay

4. Vogel-Sternmiere

Die Vogel-Sternmiere fühlt sich in unseren Breiten besonders wohl. Auf den ersten Blick unscheinbar, hat es das kleine Kraut aber in sich: Es ist reich an Vitaminen und Mineralstoffen, die es in jungem und zartem Zustand zu einer leckeren Salatpflanze macht!

Schafgarbe, Pixabay

5. Schafgarbe

Die angenehm duftende Pflanze mit den zierlichen weißen Blüten ist zwar als essbares Wildkraut wenig populär, aber sehr gesund: Der Geschmack ist leicht bitter, aromatisch und erinnert mitunter etwas an Kamille.

Eschenblätter, Shutterstock

6. Eschenknospen

Die Esche wächst bis ca. 1400 m Seehöhe. Die Blätter sind nur für Ziegen und Schafe genießbar, aber die schwarzbraunen Knospen die im Frühjahr wachsen, können als Nahrungsersatz verwendet werden können. Die Knospen sind besonders nahrhaft und vertreiben den Hunger. Wichtig beim Sammeln: Nur wenige Knospen pro Baum entfernen, damit er nicht geschädigt wird!


Vorsicht ungenießbar! Hände weg von diesen Pflanzen!


Achtung, Pixabay

Eine Grundvoraussetzung jeder Verkostung beim Wandern ist: Nur jene Pflanzen essen, die man wirklich kennt! Als zweite Regel gilt: Sofort ausspucken, wenn etwas nicht gut schmeckt! Unsere Körper wurden über die Jahrhunderte hinweg mit den richtigen Hilfsmitteln zur Erkennung von ungenießbaren oder gar giftigen Kräutern, Pflanzen oder Bäumen ausgestattet! Aufpassen sollte man auch überall dort, wo Huftiere in Wassernähe weiden: Durch deren Ausscheidungen können sich auf den Pflanzen Parasiten befinden. Kräuter wie die Brunnenkresse oder das Bittere Schaumkraut kommen immer auf Almen in Wassernähe vor – eine Gegend, in der sich die Huftiere auch gerne aufhalten. Möchte man diese Kräuter essen, nimmt man sie besser mit nach Hause und wäscht sie vor dem Genuss gründlich!


Zu Hause … den Geschmack des Waldes genießen


Lindenblatt, Pixabay

Wer noch kein Profi in Sachen Pflanzenbestimmung ist, dem empfiehlt es sich so oder so alle Blätter, Knospen und Kräuter für eine genaue Bestimmung mit nach Hause zu nehmen. Einige Pflanzen wie die Blätter der Brennnessel müssen vor dem Verzehr ohnehin erst einmal gekocht werden, um sie genießbar zu machen. Neben dem Kochen gibt es viele andere schmackhafte Möglichkeiten, die Ernte zu Hause zu verarbeiten: Getrocknete Maiwipferl der Fichte fein mahlen und dem Mehl beimengen – das gibt dem Brot einen ganz besonderen Geschmack! Auch das Bärlauchpesto lässt sich mit dem Geschmack des Waldes noch weiter verfeinern: Einige frische Lindenblätter mildern den Geschmack von Knoblauch!


Wie werde ich zum Kräuter-Profi? Pflanzen sicher bestimmen


Kräuter, Pixabay

Um zu wissen, welche Pflanzen und Kräuter am Wegrand echte kulinarische Highlights sind und von welchen man lieber die Finger lassen sollte, braucht es Erfahrung! Unsere Expertin Angela Harfmann empfiehlt: “Für eine geführte Kräuterwanderung sollte man sich mindestens einen halben Tag Zeit nehmen, damit das Gelernte auch sicher hängen bleibt!” Noch besser: Begleiten Sie immer wieder kurze Wanderungen – es braucht einfach Zeit, sich mit den Pflanzen auseinanderzusetzen und die Unterschiede letztendlich auf einen Blick erkennen zu können. Bis dahin können verschiedene Apps für Pflanzenbestimmungen und Google sehr hilfreiche Begleiter sein!


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