Im Februar wird Hochfilzen international viel beachteter Nabel der Biathlonwelt sein. Aber es herrschte nicht immer so viel Trubel um den Ort, der bis vor 150 Jahren noch ein verschlafenes Bauerndorf war. Keine Rede war damals noch von Langlauf, auch das Skifahren noch gänzlich unbekannt. Nun: Das änderte sich – Hochfilzen entwickelte sich aber nicht kontinuierlich wie die meisten anderen Orte, sondern ruckartig. „Es wåren Zäsuren, die Hochfilzen geprägt haben,“ nennt es Dr. Sebastian Eder. Der Mediziner und ehemaliger Bürgermeister von Hochfilzen hat sich intensiv mit der Geschichte des Ortes auseinandergesetzt und war als Initiator und Redaktionsleiter maßgeblich bei der Ausarbeitung des heuer präsentierten Dorfbuches beteiligt. Die Geschichte ist und war schon immer sein Steckenpferd.


Dr. Eder - Arzt und Politiker – eine seltene Kombination

dr.-sebastian-eder © TVB PillerseeTal

Dr. Eder kam 1955 zur Welt, er besuchte das Gymnasium in St. Johann und studierte anschließend Medizin. Ende August dieses Jahres war „Wast“ Eder senior im 93. Lebensjahr friedlich eingeschlafen.

Medizin und Politik

Nach Abschluss des Studiums eröffnete Dr. Eder bereits mit jungen 27 Jahren seine Praxis in Fieberbrunn. Dort war er den Menschen und natürlich auch den Hochfilzenern 23 Jahre lang ein fachkundiger und beliebter Arzt. Schließlich sagte er sich: „ I hör früher auf, weil i schon so früh ång’fången håb.“ Dr. Eders Frau Maria, eine Osttirolerin, war Lehrerin in Hochfilzen – und bald eine verlässliche Hilfe in der Ordination.

Eigentlich hatte sein Interesse ja immer der Geschichte gegolten, und doch entschied er sich für Medizin? „Jå, es håt då schon ein Schlüsselerlebnis gegeben“, erzählt er. Ein schwerer Autounfall direkt vor dem Elternhaus, und der junge „Wåst“ konnte nicht viel tun. Dieses dramatische Erlebnis gab zwar nicht allein den Ausschlag, aber es kam Eines zum Anderen.
Geschichte hat Dr. Eder schließlich nicht studiert, eine Leidenschaft ist sie aber noch immer. In gewisser Weise hängt auch sein politisches Engagement damit zusammen. Schon seit 1992 im Gemeinderat, wurde der Arzt 2004 zum Bürgermeister und 2006 in den Nationalrat gewählt.

Arzt und Politiker – eine seltene Kombination. Widerspricht sich das nicht irgendwie? „Gånz im Gegenteil!“ Niemand im Dorf kennt die Menschen so gut wie der Arzt – das liegt in der Natur der Sache. Dr. Eder sieht seine Patienten nicht nur isoliert in seiner Praxis, sondern vor dem Hintergrund ihres persönlichen Umfeldes. Und schließlich haben die persönlichen Lebensumstände ja immer auch Einfluss auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. So ist es für den Arzt ein logischer Schritt, sich im Umfeld seiner Patienten zu engagieren, vor allem in der Gemeinde. „I kånn meinen jungen Kollegen nur raten, dasselbe zu tun,“ meint er. Er hat für sich daraus viel Positives mitgenommen. Auch wenn sich hin und wieder in der Ordination ein zu langes Gespräch mit einem Patienten entwickelte, in dem es nicht nur um die Gesundheit ging und Maria mit den Augen rollte, weil der Warteraum voller Leute war.

Nach der Wahl 2004 wurde Dr. Eder 2010 als Bürgermeister bestätigt. 2015 folgte der Abschied – ein Jahr vor dem Ende der zweiten Periode. „I hoit wenig davon, als Bürgermeister mehr als zwei oder maximal drei Perioden zu måchen, des nützt sich irgendwie ab.“ Er gab in dem einen Jahr seines vorzeitigen Abschieds seinem Nachfolger Zeit, sich einzuarbeiten, er arbeitete am Dorfbuch und nahm sich vor allem mehr Zeit für seine betagten Eltern. „Guat, dass i des g’måcht håb in dem Jahr,“ sagt er rückblickend, „wir håm noch viel erledigen können.“


Die Geschichte Hochfilzens

Hochfilzen schlief so etwas wie einen Jahrhunderte andauernden Dornröschenschlaf, bis 1875 der Bau der Eisenbahn den Ort „erweckte“ und mit dem Rest der Welt verband. „Des håt an richtigen Schub ausgelöst,“ erzählt Dr. Eder – und war letztendlich auch ausschlaggebend dafür, dass die k.u.k.-Armee ihre Festungsartillerie von Südtirol nach Hochfilzen verlegte, hier einen Schießstand errichtete – und der Truppenübungsplatz entstand.

Mit ihm kamen jeden Sommer die „Kaisermanöver“, wie wir sie aus den alten Filmen kennen, und Hochfilzen blühte auf. Privathäuser wurden gebaut und der Tourismus setzte seinen ersten Fuß in den Ort. Das muntere Treiben ging bis 1907, dann wurde der Truppenübungsplatz aufgelassen. Erst Ende der 50er Jahre sollte er – von einem Militärlager währende des 2. Weltkriegs abgesehen – wieder aktiviert werden. Zu dieser Zeit wurde auch das Magnesitwerk gebaut und nahezu 400 Arbeitsplätze entstanden. die Industrie brachte Vorteile, denn das Werk finanzierte den Ausbau der kommunalen Infrastruktur mit.

 

dorf-alte-kirche-winter-1950-© TVB PillerseeTal, Max Porsche.

Wie ist der typische Hochfilzener? Gestählt!

Und wie ist er so, der typische Hochfilzener oder wie ist die typische Hochfilzenerin? „Gestählt“, dieses Wort fällt Dr. Eder als erstes ein in Verbindung mit den „Kernhochfilzenern“ aus den alten Bauernfamilien, wie er selber einer ist. Gestählt? „Ja, wohl auch durch die klimatischen Einflüsse,“ erklärt er. „Bei uns darfst dich nit aufregen, wenn’s einmal eineinhalb oder zwei Meter Schnee håt.“ Zugleich attestiert er den Hochfilzenern eine „gewisse Weltoffenheit, die sich in den letzten 100 Jahren entwickelt hat, weil so viel Bewegung in das Dorf gekommen ist – durch die Bahn, das Militär und durch das Werk.“ Die Aufgeschlossenheit kommt dem Ort jetzt mit der Sportausrichtung sehr zugute. Was gäbe es für ein Bild, wenn sich bei der WM die Einheimischen alle in ihren Häusern verschanzen würden?

schneeraumung-hauptstrae-nach-fieberbrunn-1944-© TVB PillerseeTal

Ein neues Kapitel

Pillerseetal 2012 - Winter

Dr. Eder könnte nächstes Jahr in Pension gehen. Aber – ob er das will? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Derzeit ist der Miliz-Sanitätsoffizier noch beim Österreichischen Bundesheer beschäftigt – seit 1988 als ziviler Vertragsarzt. Als solcher leitet er das zentrale Krankenrevier am Truppenübungsplatz Hochfilzen – eine Station mit 16 Betten.

Sich nur mehr um Dinge zu kümmern, die Spaß machen, weiter Heimatkunde betreiben, vielleicht auch einmal ein paar Kunstgeschichte-Vorlesungen besuchen, das reizt ihn schon. Und dann natürlich auch Sport betreiben und wieder mehr auf sich schauen. In den letzten Monaten hat er bereits ordentlich an Gewicht verloren. „Früher wår i viel sportlicher, då will i wieder hin.“

Die Medizin und die Politik hatten ihren Teil – jetzt kommen also neben den ehrenamtlichen Tätigkeiten wieder der Sport und die Geschichte. In Hochfilzen und darüber hinaus findet er für alles beste Bedingungen.

Zur Geschichte

TEXT: Doris Martinz / FOTOS: Defrancesco, Dr. Sebastian Eder, Max Porsche, Archiv Hochfilzen
ERSCHEINUNGSDATUM: November 2016


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